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Wenn der Gletscher schmilzt

 Diesen Beitrag habe ich zum Hier stehenden Datum während eines Gletscherschubs geschrieben. Heute, also am 07.10.25, kurz nach dem "Tag der Depression", dachte ich, es könnte jetzt passen ihn zu veröffentlichen, wie es mir ergeht, wenn der Schub kommt und wie ich damit umgehe.



Ein Gletscherschub.

Ich habe mich dazu entschieden, hinzuhören, was meine Seele mir sagen will, wenn ich wieder Gletschersymptome habe.



Heute ist einer dieser Tage, an denen ich wieder Gletschersymptome habe.

Manchmal kommen sie schleichend, plötzlich sind sie wieder etwas stärker da,

werden dann wieder etwas schwächer, lösen sich ganz auf oder plätschern so dahin.

Gletschersymptome sind oft gar nicht berechenbar.

Ich nehme sie bewusst wahr und höre ihnen aufmerksam zu.

Ich empfinde es nicht als einen Rückfall, sondern als ein Meer mit Wellen.

Sie kommen und gehen, und keine bleibt für immer.



Ich will diesen Moment nutzen, um mich sanft mit mir selbst und mit Gott zu verbinden.

Ich habe das Wort Depression durch das Wort Gletscher ersetzt.

Das hat mir im letzten Jahr während meines langen Krankenhausaufenthalts sehr geholfen,

weil ich dieses Wort dann immer auch mit diesen Symptomen verbunden habe,

aber ein Gletscher kann schmelzen.

Deshalb ersetze ich das Wort Depression durch Gletscher.

Wenn die Symptome kommen, versuche ich zuerst, sie wahrzunehmen.

Ich spüre in mich hinein, nehme wahr, wie stark sie sind,

und versuche dann mit meinen Skills,

die ich als passend und hilfreich erlebt habe, sie zu lindern.


Am besten hilft mir zuerst, einfach ins Grüne zu blicken,

Bäume anzuschauen, mit meinen Augen über die Felder zu schweifen

und die satte Farbe Grün in mich aufzunehmen.

Ich hole mich ins Jetzt und Hier

und mache mir bewusst, dass es kein Gefühl ist, das mich überschwemmt,

sondern ein Symptom.

Heute bin ich auch an einem Bach vorbeigekommen,

das Plätschern und Beobachten der kleinen Wellen

hilft ungemein, wieder eine klare und freie Sicht zu bekommen.


Manchmal ist es nur für einen kurzen Augenblick,

aber diesen koste ich umso mehr aus.

So werde ich mir bewusst, dass ich es in der Hand habe

und Möglichkeiten habe, diese Symptome anzugehen,

um mich nicht von ihnen beherrschen zu lassen.


In Worte zu fassen, was in mir tatsächlich passiert, ist gar nicht so einfach.

Ich könnte es so beschreiben:

Alles, wozu ich davor noch Ja gesagt hätte und was mir nichts ausgemacht hätte,

würde ich jetzt mit Nein beantworten und mich am liebsten etwas mehr zurückziehen.


Ich respektiere diese Reaktionen bei mir,

weil ich weiß, dass ein Gletscher das eben hervorruft.

Ich nehme es wahr, gehe wohlwollend mit mir um

und gehe nicht einfach drüber hinweg,

denn so würde ich mich selbst missachten.


Auch das Singen hilft mir sehr.

Ich habe festgestellt, dass, wenn ich einfach los singe, für mich singe, in mich hinein singe,

es eine heilende Kraft in mir auslöst.

Nicht vor Publikum, sondern für meine Seele.


Ich spreche Verse aus der Bibel vor mich hin,

packe sie in Melodien, gehe sie innerlich durch

und spüre, wie sie sich heilsam um meine Seele wickeln.


Ich habe gelernt, dass Loslassen mitten in den Symptomen

und das Annehmen eine große Kraft ausüben.

Den Kampf gegen die Symptome gewinnt man nicht.


Denn ein Gletscher ist kein Feind, gegen den ich kämpfen muss.

Er ist ein Teil von mir, den ich behutsam betrachten darf.

Nur so kann er schmelzen und das hervorbringen,

was so wunderschön in mir verborgen liegt.


Ich stelle mir vor, dass, wenn der Gletscher schmilzt,

darunter eine wunderschöne, farbenprächtige Blume hervortritt,

die nur darauf wartet, ihre Pracht zu entfalten.


Der Gedanke bringt mir ein Lächeln ins Gesicht.

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich mitten im Hier und Jetzt,

und der Gletscher kann langsam vor sich hinschmelzen.


Nach einem Gletscherschub fühle ich mich oft wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Oft sehe ich die Welt plötzlich mit ganz neuen Augen,

nehme alles noch intensiver wahr

und bin beeindruckter von Gottes Schöpfung.


Das kann ganz schön anstrengend sein,

immer wieder aufs Neue dasselbe auf wundersame Weise neu zu entdecken.


Diese Momente haben wirklich etwas Göttliches.

Es ist, als bekäme ich die Chance, alles frisch und neu zu betrachten,

wie neu geboren.

So, als hätte das Gletschersymptom etwas unterdrückt,

und das neue Erwachen zeigt seine Schönheit noch prächtiger.


Je öfter das passiert, desto besser kann ich damit umgehen.

Aber es gibt auch Tage, an denen ich das Gefühl habe, alles wieder neu zu sehen,

obwohl ich es zuvor schon einmal gesehen habe,

manchmal ohne, dass ich gerade ein schlimmeres Symptom habe.


Es fühlt sich an wie immer wieder neu erwachen, eben „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Doch ich bin nicht verärgert darüber, immer wieder dasselbe durchleben zu müssen.

Ich durchlebe zwar dasselbe, aber es fühlt sich nicht gleich an,

und ich nehme es nicht gleich wahr.

Es ist, als ob ich ein grünes Blatt im ersten Moment als grün empfinde –

grüner, saftiger und schöner.


Die Kehrseite ist, dass ich mich manchmal so fühle,

als müsste ich mit allem wieder von Neuem beginnen.

Nach so vielen Monaten ist das nicht mehr so extrem,

aber am Anfang war es wirklich so,

dass ich nach einem langanhaltenden Gletschersymptom

das Gefühl hatte, alles von Neuem lernen zu müssen.

Und doch war es jedes Mal neu.


Ich nehme alles ganz anders wahr.

Ich bin schreckhafter, erstaunter, erfreuter, trauriger, wütender, aggressiver, gereizter,

aber vielleicht auch liebevoller, verständnisvoller, ehrfürchtiger und demütiger.

Es ist alles mehr als im Normalzustand.


Okay, es ist anstrengend.

Es ist wirklich anstrengend, weil ich dem Ganzen trotz allem irgendwie ausgeliefert bin.

Auch wenn ich weiß, was ich tun kann, um es erträglicher zu machen,

bin ich im ersten Moment ausgeliefert.

Ich weiß, das ist jetzt so. Morgen wird es anders sein,

dann sehe ich die Welt wieder mit neuen Augen,

stehe wie an einem Neuanfang –

einem Neuanfang mit Fundament.

Ich habe ein Fundament.

Es ist nicht mehr so, dass ich komplett ins Nichts zurückfalle,

sondern ich beginne immer wieder dort,

wo ich mir schon etwas aufgebaut habe.


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